„Heimat ist, wo Menschen auf dich warten“

Pater Bobin Joseph wirkt seit März im Pastoralen Raum Würzburg Süd-West mit Schwerpunkt in Höchberg. Was in Franken anders ist als in seiner Heimat, erzählt er im Interview.

Pater Bobin Joseph kommt aus Indien, einem Land, in dem das Christentum älter ist als in Deutschland. Er wurde 1983 geboren und stammt aus dem indischen Bundesstaat Kerala. Seit 2009 lebt Pater Bobin Joseph in Deutschland, seit März ist er für den Pastoralen Raum Würzburg Süd-West zuständig und lebt in Höchberg. Im Interview erzählt er vom lebendigen Christentum in Südindien und der Seelsorge im Pastoralen Raum Würzburg Süd-West, wo er zusammen mit Pfarrer Gerhard Spöckl wirkt.

Pater Bobin, was bringt einen Mann aus Indien nach Unterfranken?

Die Berufung hat keinen Kompass. Und Kerala ist vielleicht gar nicht so weit weg – zumindest was den Glauben angeht. Die christliche Gemeinde dort ist eine der ältesten der Welt. Der Überlieferung nach kam der Apostel Thomas im Jahr 52 nach Christus nach Kerala und gründete sieben Gemeinden. Das ist keine Legende für uns, das ist unsere Geschichte. Als hier im Frankenland noch niemand von Christus gehört hatte, gab es in meiner Heimat schon eine lebendige Gemeinde. Das Christentum ist eine östliche Religion, die nach Westen gewandert ist. Bei uns betet die Familie täglich zusammen, sonntags ist die Kirche voll. Leben ohne Kirche – das ist für viele dort schlicht nicht vorstellbar.

Und hier in Unterfranken?

Die Kirchen sind kleiner geworden – nicht die Gebäude, sondern die Gemeinschaften darin. Aber hier habe ich ehrliche Menschen getroffen, die Nächstenliebe wirklich leben.

Sie sind 2009 direkt nach Ihrer Priesterweihe in Indien nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie das Land erlebt?

Es war ein Schock. Der erste Winter, dann hatte der Pfarrer einen Unfall – ich musste ihn als Kaplan ersetzen. Das war mein erstes Weihnachten in Deutschland: allein, mit Grundkenntnissen der Sprache, und plötzlich in voller Verantwortung. So einen schwierigen Start hatte ich wirklich nie wieder. Deutsch ist zudem schwer – ich spreche Malayalam, Englisch, Hindi und Tamil. Aber es ist ein Wunder, dass ein so vielsprachiges, multireligiöses Land wie Indien eine funktionierende Demokratie ist. Das sieht man erst richtig, wenn man von außen draufschaut.

Was vermissen Sie an Indien?

Den Zusammenhalt der Familie. Aber auch das verändert sich: Viele junge Menschen aus Kerala sind weggegangen – nach England, nach Deutschland, in die Golfstaaten. Mein Bruder und meine Schwester leben in England. Die Alten sitzen dann allein auf großen Grundstücken. Das ist ein Drama, das sich still vollzieht.

Das klingt nicht so anders als hier auf dem Land.

Das ist das Paradoxe. Ich komme hierher, um eine Gemeinde zu begleiten, die ihre Jungen verliert – und meine Heimat erlebt dasselbe. Die Kinder gehen weg, verdienen hier ein Vielfaches, kommen nicht mehr zurück. Am Ende fragt man sich: Wo ist Heimat? Für mich ist Heimat kein Ort. Heimat ist, wo Menschen auf dich warten. Und hier – bei den Menschen, die sonntags kommen, bei den Ministranten, bei der Arbeit mit Pfarrer Spöckl und den vielen Ehrenamtlichen – da warten Menschen.

Interview/Foto: Matthias Ernst